Vita

Geschichten aus Draht und diversen Materialien

Die Objekte von Patricia präsentieren sich unaufdringllich, ohne künstlerische Allüren. Es sind schier grenzenlos spielerische Material-Schöpfungen, welche mit einem hintergründigen Schmunzeln spontan und direkt aus ihrem Herzen zu fallen scheinen.

Ihre Materialien bestehen aus alltäglichen Gebrauchsutensilien wie Draht, Papier, Pappmaché, Büchsenbleche, Gitterdraht, Holzstücke, Farben und gefundenen alten Gegenständen. Diese Materialien und der humorvolle, satirische Unterton in einigen Arbeiten lassen auf afrikanische Wurzeln schliessen, welche auch tatsächlich auf Patricia Brunners Kindheit weisen.

Kein Besucher kann sich einem spontanen Lachen oder Lächeln beim Betrachten ihrer Arbeiten entziehen. Das nur allzu Menschliche im künstlerischen Ausdruck ihrer Werke scheint einer schier endlosen kreativen Quelle zu entspringen und offenbart tiefe Einblicke in die doch so oft und schnell vergessenen kleinen Unzulänglichkeiten unseres Alltagslebens. Dieser Wiedererkennungs- sowie Erinnerungseffekt geben den Objekten Patricia Brunners einen unwiderstehlichen Charme.

Ungeachtet ihres satirischen Ausdrucks präsentieren sich die Gestaltungen sehr kompetent in Komposition, Farb- und Formgebung. Ihre künstlerische Ausbildung und langjährige Erfahrung mit Malerei, Zeichnung und Gestaltung ist in jedem Detail ihrer Arbeiten spür- und sichtbar. Der Gesamteindruck wie die Details der Objekte wirken stets ästhetisch, einheitlich und durchkonzipiert. Die spielerische Auseinandersetzung mit kunstgeschichtlich etablierten Stilelementen verleiht manchen Arbeiten eine fast abstrakte Gesamtwirkung. Verlässt unserer Auge die Handlungsdetails der Figuren, können sich uns gar konstruktivistisch anmutende Farbfelder oder Farbräume ins Blickfeld schieben.

Die spielerischen kreativen, wie selbstironischen Arbeiten der Künstlerin öffnen uns, den Anteilnehmenden, eine ebenso freie, direkte und unschuldig-schelmische Betrachtungsweise.
Saajid Zandolini Kunstmaler Basel


Patricia Brunner „Geschichten aus Draht“
Hirslanden Klinik Birshof, Münchenstein/BL
Vernissage 28.11.2013
von Susanne Blaser, Kunsthistorikerin M.A., Basel

Patricia Brunner (*1958 in Tansania geboren) ist eine feine Beobachterin menschlicher
Interaktionen und Beziehungen, menschlicher Träume, Verhaltensweisen und
Angewohnheiten. Sie entwirft ihre Tableaus des Alltags, indem sie Beobachtungen in
konzentrierter Form, aber mit vielerlei wesens- und strukturverschiedenen Details zu
übersichtlichen Szenen verwebt. Die verwendeten Materialien sind Eisendraht,
Drahtnetz, PET, Modelliermasse, Papier und Acrylfarbe. Zwischendurch entfremdet die
Künstlerin in quasi dadaistischer Manier bestehende Gebrauchsgegenstände (Mistgabel,
Heugabel, Säge, Kürbis, etc.) und lässt ihnen märchenhaft-träumerische, utopische
Parallelwelten entwachsen.

Charakter- oder Typenstudien kommen oft vor, wie Bauarbeiter, die Frau auf dem Sofa
oder Werke der bekannten Hühner-Periode, wie Hühnerstall (hinter Empfang erster
Stock), Kaffeetanten oder Jassende Hühner. Es fasziniert mich, wie durch wenige
abgestimmte Details jeweils eine stimmige Atmosphäre erzeugt wird, wie z.B. bei der
Frau auf dem Sofa (Einladungskarte, Wartebereich Parterre), deren einwärts geföhnte
Haarpracht mit den Volants am Rocksaum zusammenspielen. Dazu kommt ein klassisch-
romanisches Fensterchen und der Eindruck von südlicher Eleganz ist perfekt!
Ausserdem hat Patricia Brunner eine Vorliebe für Gruppentableaus. Und wo lässt sich
schrullig-sonderbares Benehmen besser entdecken als im menschendichten,
öffentlichen Raum? Exemplarisch zu erwähnen sind hier die beiden grossformatigen
Freizeit-Spiel und Sportszenen (Flur erster Stock), die Haltestellen, oder auch eine noch
unvollendete Arbeit, die in einem Tramwagen spielt.

Das Thema Raum wird von Patricia Brunner in weiteren Aspekten umgesetzt. Die Arbeit
Treppenhaus erlaubt einen Blick ins schematische Innere eines Mehrfamilienhauses. Die
schützende vierte Wand ist ähnlich einem Theater durchbrochen. Offengelegt wird
dieser merkwürdige Bereich zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, eine Passage
potentieller Begegnungen und freien Ausdrucks, die jedoch ausbleiben. Jeder Akteur
bleibt für sich, handelt isoliert von den anderen Hausbewohnern. Das gilt nicht für den
zentralen Bereich, ich nenne das mal den Kürbis-Aufzug. Eine Fred-Astaire-Figur trällert
lässig vor sich hin. Hier befindet sich eine Art unbeobachteter Bereich, in dem
Interaktion stattfinden kann. Ein Hund hebt vor Wiedersehensfreude mit seinem
Menschen vollständig ab. Mutter und Kind ergeben sich in die Arme des Gegenübers.
Was die Figuren nicht wissen, ist, dass der Schutz nur ein vermeintlicher ist. Wir
beobachten sie. Diese unbemerkte, schonungslose Transparenz hinterlässt bei mir
gemischte Emotionen, ich fühle ich mich ein wenig als Voyeurin ertappt.

Bei vielen Arbeiten zieht Patricia Brunner ganz explizit einen Rahmen um die Szenen, sie
verstärkt damit die dreidimensionale Objekthaftigkeit. Dem Verfahren nach zählt man
die Drahtkonstruktionen zu den plastischen Arbeiten, aber eigentlich wirken sie eher
zeichnerisch. Es gibt – mit wenigen Ausnahmen, wie den Mobiles – auch bei den
freistehenden Werken eine deutliche Schauseite, eine Hauptansicht vom Aussen auf ein
Innen. Auch wenn die Perspektive umgekehrt wird, wie beim Ratten-Rendezvous im
Café Grabsch (eingangs Flur im Parterre), ändert sich dieses Faktum nicht. Hier sehen
wir aus dem Rauminneren nach Aussen, die Schrift ist gespiegelt. Die verschiedenen
Szenen sind so angelegt, dass man nicht unbedingt um sie herumgehen und
verschiedene Blickwinkel erfahren soll. Damit unterscheiden sich Patricia Brunners
Drahtobjekte sehr wesentlich von anderer Plastik und deshalb funktionieren sie auch so
wunderbar als Wandbilder.

Apropos Café Grabsch: Ist Ihnen aufgefallen, dass die gleiche Figurenkomposition auch
bei Dramaaufeinerlinie (Empfang erster Stock) nochmals vorkommt? Zwischen den
beiden Arbeiten gibt es aber einen zentralen Unterschied. Während beim fabel-artigen
Rattenbild die eben besprochene Raumillusion eine Rolle spielt, betont Patricia Brunner
im Pinkeldrama verstärkt die Fläche. Sie findet hier eine ausgeprägt graphische,
zeichnerische Formsprache. Die besondere Herausforderung liegt darin, wie Sie sehen,
dass das Bild aus nur einem „Strich“ aufgebaut wird. Kennen Sie eigentlich noch das
Strichmännchen La Linea, die rund 4-minütigen Zeichentrickfilme, die zunächst im
Sendeformat Scacciapensieri auf dem Tessiner Kanal, später als Guetnachtgschichtli auf
DRS ausgestrahlt wurden? Der kindlich-labile Zorngiebel mit der überdimensionierten
Gurkennase kommt ebenfalls aus nur einer Linie daher (die zuweilen von der Hand des
Zeichners böswillig unterbrochen oder mit Hindernissen versehen wird!).

Stilistische Merkmale wie eine charakteristische, reduzierte Linienführung oder die
pointierte Klarheit der Aussage erinnern durchaus an das Genre Karikatur. Aber Patricia
Brunner kritisiert nicht, prangert nicht an. Beissende, satirische Schärfe ist so gar nicht
ihr Ding. Die kunstvollen Arbeiten aus Draht entstehen in einer Atmosphäre von Freude
und Zufriedenheit. Wenn die Geschichten aus Draht in ihrer Aussage ambivalent wären,
dann mittels einer melancholischer Ironie, oder aber eines schelmenhaften Spotts. In
den allermeisten Fällen scheint sich die Künstlerin über das menschliche - allzu
menschliche - Verhalten selbst zu amüsieren. Patricia Brunner kennt Selbstironie. Kein
Wunder also, dass man sich vor einem Bild von Patricia Brunner gegen ein überraschtes
Schmunzeln oder sogar ein spontanes, herzhaftes Auflachen kaum wehren kann.